Predigt am 24. Januar 2021 in der Christuskirche Trostberg

Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen. Wo Du bleibst, da will auch ich bleiben.

Vielleicht der beliebteste Trauspruch überhaupt. Er verspricht so viel: Egal, was Du tust, ich trage es mit. Egal, wohin wir es tragen wollen. 

Wahrscheinlich ist das für viele Paare eine sehr wohltuende und wichtige Vorstellung: Es bin nicht mehr ich allein. Die leben und entscheiden und tragen muss. Es bin nicht mehr ich allein. Sondern Du bist da. Es gibt jetzt ein Wir. Ein Wir, das gemeinsam isst und schläft, aufräumt, streitet und vergibt.

Natürlich erzähle ich den Brautpaaren dann, dass es um eine Schwiegertochter und ihre Schwiegermutter geht. Aber das ist egal. Es ist egal, weil der Sinn dahinter immer trägt: Dass keiner Angst haben muss, seinen Weg alleine gehen zu müssen. Oder allein dort bleiben zu müssen, wo er ist. Ein unsichtbares und starkes Band spinnt sich zwischen zwei Menschen.

Ist das eine romantische Vorstellung der Ehe? Ja. Ist es eine romantische Vorstellung einer Liebesbeziehung auch ohne Trauschein? Ja. 

Kann sie scheitern? Eine Beziehung, in der man sich das verspricht? Ja. Sie kann. Aber ich glaube, sie scheitert nicht, weil man sich das verspricht. Oder an ihrem Anspruch. Sie scheitert, weil es nichts Schwierigeres gibt, als zu wissen, was Bleiben und was Gehen jetzt bedeutet. Jetzt in dieser Situation. Welche Entscheidungen, welche Ansichten kann ich mittragen und wo ist meine Grenze? Bis wann reicht es mir, Deine Hand zu halten und in Deine Augen zu schauen und wann will ich auch, dass Du mir zustimmst bei dem, was ich sage?

Das gilt für Paarbeziehungen. Wo es so verdammt vieles gibt, wo wir Bleiben und Gehen können. Äußerlich, aber vor allem innerlich. Wieviel Zustimmung, wieviel Unterstützung brauchst Du und wo reicht Dir meine Loyalität? Und vor allem – wo betreffen Deine Entscheidungen mich ganz direkt? Weil Du mehr oder weniger arbeiten willst, oder anders?

Der Satz gilt für Paarbeziehungen und eigentlich jede Art von Beziehung, die man eingehen kann: Zu seinen Kindern. Zu Freundinnen. Und ja, auch zu ganz und gar fremden Menschen. Deren Verhalten wir sehen oder wahrnehmen in den Medien oder draußen auf der Straße. Wir kommen gar nicht aus, uns zu ihnen in Beziehung zu setzen: Kann ich mit Dir „mitgehen“? Mit dem, wie Du Dich verhältst? Mit Deinem „Pandemie-Verhalten“, mit Deiner Art, Dein Leben zu führen?

Nur scheinbar stellen uns fremde Menschen nicht vor die Frage „Bleiben oder gehen, mitgehen oder zusammenbleiben“. Denn eigentlich passiert genau das, wenn wir in Beziehungen stehen: Wir fragen uns, ob und wie wir miteinander verbunden sind. Ob und wann wir loyal sind.

Und es ist ein Trugschluss, dass es nur in Paar-oder Liebesbeziehungen darum geht, zu bleiben. Ich glaube, es geht in all unseren sozialen Bezügen darum: Können wir verbunden sein? Als Menschen? Mit so unterschiedlichen Bedürfnissen? Oder spielen wir uns gegenseitig aus? 

So viele vergleichen zur Zeit ihr Leid untereinander: Aber ich hab es schwerer, weil ich hab Kinder und bin im HomeOffice! Nein, ich, weil ich 20 bin und alleine und einsam. Nein, ich, denn ich bin so alt und bekomme trotzdem keine Impfung!

In solchen Momenten entfernen wir uns sehr, sehr weit voneinander. Und es fühlt sich so an, als ob es egal wäre. Weil wir ja nicht verheiratet sind. Aber das ist es nicht. Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen. Nein, das heißt nicht, dass ich alles gut finden muss, was Du tust, oder sagst. Es heißt, dass ich Dir dahin folge und mir anschaue, wie es dort ist. In Deinen Schuhen gehe, aus Deinen Gläsern trinke, durch Deine Augen sehe. Dich nach Deiner Geschichte frage. Wo Du bleibst, da will auch ich bleiben. Da wo Du bleibst, zurück bleibst, traurig bleibst, verzweifelt bleibst, da will ich nicht weitergehen, Dich zurücklassen. Da will ich bleiben und Dich nicht aufgeben. Ich lass Dich nicht allein mit Deiner Entscheidung. Ich höre sie mir an. Und bleibe lange, lange stehen. 

Bevor ich – und das tut Rut in der Geschichte nicht – vielleicht für mich einen anderen Weg gehe. Es geht nicht um Selbstaufgabe bei Rut. Es geht um ihre freie Entscheidung. Die sie aus Liebe, aus Fürsorge und aus Freiheit trifft. So selten das ist in der Bibel, dass die Entscheidungen von Frauen so für sich stehen können.

Der Satz von Rut klingt so krass, so eindeutig, so sehr ohne Zweifel und ohne wenn und aber. Aber ich glaube, nach und vor solchen Sätzen stehen ganz viele Gedanken und Sorgen. Und Diskussionen. Und tiefe Wunden auf allen Seiten. 

Ich glaube, man kann nicht überall mitgehen, ich kann es auf jeden Fall nicht. Aber als Mensch unter Gottes Schutz und in seinem Licht will ich versuchen, zu bleiben. Bei den Bedürfnissen der Menschen um mich herum. Ich will ihnen zuhören. Und zwar auch dann, wenn es verdammt ungemütlich wird. 

Zur Zeit diskutieren viele evangelische Theologinnen und Theologen über Sterbehilfe. Weil Sterbehilfe in Zukunft in Deutschland laut Bundesverfassungsgericht nicht mehr verboten ist. Nicht mehr versteckt, nicht mehr in der Schweiz. Und auch da können sich kirchliche Pflegeheime, Hospize nicht verstecken. Oder weggehen. Sie müssen mitgehen und bleiben. An der Seite der Menschen, die sie brauchen. Pfarrerinnen und Pfarrer und Menschen vom Besuchsdienst müssen zuhören und aushalten, wenn eine nicht mehr leben will. Sie werden nachfragen und trösten. Sie werden bleiben und sich nicht auf ihr hohes Ross zurückziehen und sagen „Selbsttötung ist Christen verboten“.

Ich hoffe, dass wir uns nicht voneinander entfernen.Von den Menschen um uns rum und denen, die uns so nah sind. Dass wir die Kraft haben, mit ihren Augen zu sehen. Dass wir mutig genug sind, um uns gegenseitig auszuhalten. Das, was uns so fremd ist an den anderen sehen zu können und dabeizubleiben. Solange es geht.

2 thoughts on “Wo Du hingehst

  1. Liebe Sabrina, danke für die Predigt. Theologen dürfen sich nicht verstecken, bei der Diskussion um die Sterbehilfe. Schon einmal haben auch Theologen geschwiegen, als es um den sogenannten Gnadentod unwerten Lebens ging.
    Vielleicht sitze ich auf einem hohen Ross. Aber ich frage: Was passiert mit uns, wenn wir den Wert unseres Lebens an Bedingungen knüpfen, die austauschbar sind. Ein Recht auf Hilfe zum Suizid?
    In der Aufforderung zur Neuregelung des § 217 Abs. 1 StGB heißt es:
    «b) das Recht auf selbstbestimmtes Sterben schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen. Die Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.
    c) Die Freiheit, sich das Leben zu nehmen, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen.»
    Fehlende Sinnhaftigkeit? Lebensqualität! Sind das die Kriterien, die uns berechtigen Hilfe zur Selbsttötung zu fordern? Ist Leben verfügbar? Allein die Diskussion, wann das Leben nicht mehr zumutbar ist, nicht erhaltenswert scheint, macht mir Angst, zynisch in Anbetracht der Menschen, die um ihr Überleben kämpfen, in Flüchtlingslagern, in Hungerzonen, in Kliniken überall in der Welt?
    Liebe Sabrina, ich fühle mich ziemlich allein mit meiner Meinung. Ich habe auch Angst davor, leiden zu müssen. Was weiß ich, was mir noch bevorsteht. Noch mehr Angst habe ich davor, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschaft getrieben von Optimierungswahn, Wachstum und Narzissmus den Blick für das Menschsein verlieren.
    In den beispielhaft genannten Nachbarländern steigen die Zahlen der Menschen, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen von Jahr zu Jahr. Und, «Die Sterbehilfe wird immer mehr zu einer normalen, präferierten Todesart», sagt der niederländische Theologe und Ethikprofessor Theo Boer im Gespräch mit Christ&Welt.
    Das darf doch nicht sein, oder? Ich habe Angst davor. Liebe Grüße Anni

    1. Liebe Anni,

      danke für Deine offenen und ehrlichen Worte! Dieses Thema kann finde ich sehr viel Angst machen – einfach, weil wir immer auch über unseren eigenen Tod und derer, den wir lieben nachdenken, wenn wir dazu etwas sagen. Mit Gesellschaftsdiagnosen bin ich immer sehr vorsichtig. Ich glaube, man kann dem/der Einzelnen in dieser Entscheidungssituation auch vertrauen, dass er sich nicht von „der Gesellschaft“ leiten lässt, sondern von seinen Bedürfnissen, Gefühlen und Wahrnehmungen. Aber ih glaube, genau das braucht auch kirchliche Begleitung. Nicht nur in der Entscheidung selbst, sondern auch davor. Hilfe beim Nachdenken und Wahrnehmen. Ich glaube, das ist eine wichtige Aufgabe – nicht nur für Pfarrer*innen, sondern für alle in der Kirche…
      Alles Liebe
      Sabrina

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