Trauerrede – alle Namen geändert

Morgens früh. Es ist kalt draußen. Vielleicht noch kälter als heute hier in Burgkirchen. Der Rauhreif hat sich über die Felder gelegt. Es klirrt in der Luft. Es ist noch vor allen anderen. Bevor jemand Kaffee kocht. Bevor die Sonne über dem Feld aufgeht. Es ist morgens früh und es ist zuhause. Es ist tausende Kilometer weit weg von hier.

Die Karotten blitzen hellgrün aus der Erde. Er reibt sie sanft, liebevoll an seiner Hose. Vielleicht beißt er hinein. Sie schmecken nach karottenorange, nach Kraft und Leben. Sie schmecken nach dem letzten Sommer, der in ihnen steckt. Er blinzelt in die Sonne, die jetzt schrittweise kommt. Er geht in den Stall, wo die Türe warme Luft in Nebelwolken atmen. Seine Hände sind kalt, das Herz ist viel wärmer.

In der Küche knistert das Holz im Ofen und der Tee ist heiß. Steh auf, iss und trink, denn Dein Weg ist weit, flüstert der Engel. Wie er es jeden Morgen sagt. Jeden Morgen seit vielen Jahren. Es gab Tage, da musste der Engel fast schreien, bis er heiser war. Steh auf, iss und trink, denn Dein Weg ist weit. Damals als sie gehen mussten, mitten in der Nacht. Da war keine Sonne über dem Feld, für Tee war keine Zeit, da war nur Angst und Kälte und eilig zusammengesuchte Kleidung. Da war das Schiff, da war die kleine Schwester auf dem Schiff. Nie mehr im Leben ist diese Kälte aus seinen Knochen gewichen, nie mehr im Leben ist diese Angst ganz vergangen. Wer das Zuhause verliert, der wird es immer suchen. In Russland, in Kasachstan, in Oberbayern, zwischen den Schornsteinen, den Flüssen, den neu gebauten Häusern. 

Der sucht das Zuhause in den Menschen, die geblieben sind. Die geblieben sind seit so vielen Jahren. Du, kleine Schwester, Du meine Frau, die Du schon so lange schwer gehen kannst. Du, meine Tochter, Du mein Sohn. Ihr seid mein Zuhause in der klirrenden Kälte. Ihr seid meine Morgenröte. Ihr seid die Sonne, die über den Horizont kriecht. Ihr seid das orangerot der Karotten, ihr seid das hoffnungsgrün heute Morgen.

Wenn der Atem schwer war, gab es immer einen Grund, weiter zu atmen. Die Füße taten weh, aber es gab einen Grund, zu gehen. 

Menschen, die etwas brauchen, was nur Du geben kannst. Denen Du, Viktor, ein Zuhause warst. So wie Du Dein Zuhause immer gesucht hast, so bist Du ein Zuhause geworden für Deine Familie. Alexandra, Victoria, Oleg waren hoffnungsgrün für Dich und Du warst es für sie. Das Zuhause, das Du in Deinem Herzen getragen hast, war warm und voller Menschen, die lieben. Sie trinken Tee, sie ziehen Karotten aus der Erde. Sie tragen in sich die Kraft des Sommers. 

Du und Du und Du und auch ich. Wir tragen in uns die helle, gleißende Sommersonne. Die Ruhe des Herbstes. Die klirrende Kälte des Winters. Und den Frühling, auch den tragen wir uns. Auch jetzt im Advent. Wo wir die erste Kerze anzünden. Wo es kalt ist. Wo die Erde hart ist. Da tragen wir den Frühling in uns. Das Licht, das aufersteht. Das Licht des Lebens lässt uns aufstehen in der Kälte. Es schmilzt den Schnee, es treibt uns Blüten ins Leben. Der Himmel ist blau. Steh auf und iss, denn Dein Weg ist noch weit. Für Dich, Victor, scheint das Licht des Lebens und führt Dich in die Ewigkeit. Du stehst am Rand des Feldes und die Sonne scheint und es wird warm. Und dein Zuhause ist da.

Für uns ist der Weg noch weit. Wir müssen essen und trinken, sagt der Engel. Lebensbrot und heißen Tee. An die Wärme des Sommers denken. An die Sonne über dem Feld. Denn das Licht scheint auch heute, im Advent. Und das Zuhause tragen wir mit uns. Wärme und Licht und Leben

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