Und was wäre, wenn wir lächelnd am Grab stehen würden?
Und was wäre, wenn wir dem Blühen der Sonnenblumen glauben würden?
Und was wäre, wenn wir trotzdem vertrauen würden?
Und was wäre eigentlich, wenn Du trotz Allem keine Angst hättest?
Trotz dem Gestern und den Schmerzen weit hinten in Deinem Herzen?
Trotz dem Heute mit den dunkelgrünen Stunden, die schwarz schimmern wie dunkler Samt.
Trotz dem Morgen mit seinen Bedrohungen wie Dämonen?
Und was wäre eigentlich, wenn wir das glauben würden?

So wie die Menschen damals den Tod besiegt sahen – durch den, der alle Ratschläge und Gesetze und Gewohnheiten in den Wind geschlagen hat. Der Tod ist besiegt – haben sie sich vielleicht kaum getraut zu denken. Und es doch gesehen: Lazarus war tot und wurde lebendig. Löst die Binden!

Und all die anderen. Der, der blind war. Die, die übersät war mit Wunden innen und außen. Die, die Angst hatte, solche Angst, nicht zu genügen. Zu ihr sagte er, lass gut sein, es reicht, was Du tust. Du musst nicht. Zu ihm sagt er, Dein Glaube hat Dir geholfen, mehr als Du dachtest, deshalb nimm Dein Bett und geh.Und dann, haben sie es geglaubt? Glauben Sie es?

Vielleicht ab und zu. Vielleicht, liebe Gemeinde, gibt es deshalb so viele Heilungs- und Wundererzählungen in der Bibel und besonders im Neuen Testament, weil wir es einfach so schwer glauben können. Weil das Kaputt sein und zerbrochen und Un-heil sein einfach die alltäglichste und gleichzeitig existenziellste Erfahrung ist, die wir machen. Bei jedem und jeder ein bisschen anders. Bei der einen zerrissen wie dünne Seide, bei dem anderen zersplittert in so viele Stücke, die kein Mensch mehr finden kann. Ich bin so kaputt. Das sagt man nicht nur, weil der Tag lang war. Sondern irgendwie auch, weil dieses ganze Leben einen manchmal kaputt macht. Und dieses „Kaputt-Gefühl“ das ist so etwas wie ein kleiner Tod, den man jeden Tag stirbt. So als ob uns immer wieder ein Stück abgerungen wird vom Leben. Wir werden kleiner davon, ängstlicher manche, andere auch wütender. Wieder andere versprechen sich weniger vom Leben. Und so kommt es, dass das Leben weniger lebendig wird. Es wird mit uns kleiner und ängstlicher und verzagter – so, als ob es am Stock ginge. Oder eben gelähmt, oder blind oder aussätzig, wie es in den Heilungserzählungen im Neuen Testament dann heißt. 

„Löst die Binden und lasst ihn gehen!“ Sagt Jesus dann. Löst die Binden. Löse meine Fesseln. Löse mein Leben. Zieh den Knoten auseinander. Löse meine Angst von mir. Erlöse mich. Wer das betet, der betet um das Leben. Der will, dass der Tod aufhört, Macht zu haben. Der will, dass das Leben wieder größer wird. Dass es wieder Kraft hat, dass es ans Licht kommt. Dass ich ans Licht komme! Mein Leuchten, das wie eine zersprungene Glühbirne ausgegangen ist, irgendwann mal. 

Komm ins Licht, Leben … das wirkt fast so vermessen wie der Satz „Der Tod hat keine Macht mehr.“ Das ist vermessen, weil es nach dem ganz Großen greift. Danach, dass das Leben wieder ans Licht kommt. Dass der Tod unwirksam wird. Machtlos. Das wäre, wie wenn wir lächelnd am Grab stehen würden. Das wäre, wie wenn wir dem Blühen der Sonnenblumen glauben würden. So wäre es, wenn wir trotzdem vertrauen würden.

Das wäre, wenn Du trotz Allem keine Angst hättest.
Trotz dem Gestern und den Schmerzen weit hinten in Deinem Herzen.
Trotz dem Heute mit den dunkelgrünen Stunden, die schwarz schimmern wie dunkler Samt.
Trotz dem Morgen mit seinen Bedrohungen wie Dämonen.

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (…)Die Kraft Gottes hat uns errettetund uns berufen mit heiligem Ruf,nicht aufgrund unseres Tuns,sondern aufgrund seiner freien Entscheidung und seiner Gnade,die uns in Christus Jesus zugedacht wurde, vor aller Zeit,jetzt aber sichtbar geworden istim Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus:Er hat dem Tod die Macht genommen und hat Leben und Unsterblichkeit aufleuchten lassen, durch das Evangelium.

Manchmal leuchtet das Leben auf, trotz Allem. Kraft und Liebe und Besonnenheit leuchten unser Herz aus, bis in seine hinterste Ecke. Sie wissen, dass es das gibt. Sie haben es schon erlebt. Es ist nichts Erfundenes und nichts Unmögliches. Es ist einfach etwas sehr, sehr Großes. Etwas Mutiges und Wagemutiges. An das Leben und das Licht zu glauben ist manchmal das Mutigste auf dieser Welt. Naiv angesichts des Todes – egal wo. Und manchmal fast zu schmerzhaft, um es zu versuchen. „Löse die Binden und lasst ihn gehen!“ Die Binden hinterlassen Striemen auf meiner Haut und nehmen mir die Kraft. Aber sie sind gelöst.

Der Tod kann Dir nicht das Leben nehmen. Nicht heute. Nicht jetzt.

Nicht Dein Leben. Amen.

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