Ich liebe diesen Moment. Eigentlich weiß ich, dass er kommt. Irgendwann. Irgendwann im Laufe des Urlaubs. Der Moment kommt nie am Anfang des Urlaubs. Eher in der Mitte. Ungefähr nachdem ich 10 Tage lang ein bisschen ungläubig beobachtet habe, was man in seiner freien Zeit alles machen kann. Wie lang die Tage sind. Wie gut meine Marmeladensemmel schmeckt, wenn ich noch einen zweiten Kaffee dazu trinken kann. Wie schön es ist, meinen Töchtern ein Buch vorzulesen, wenn ich danach nicht gleich zum nächsten Termin muss. Die Tage sind lang und ich begreife so langsam wieder, dass ich mehr bin. Ich bin mehr als das, was ich in meinem Beruf täglich gebe. Und das, obwohl mein Beruf so vielfältig ist. Ich bin mehr. Ich stecke mir jede Heidelbeere einzeln in den Mund. Ich stehe in einer Kirche mitten in Berlin und kaufe ein Glas Stadthonig. Bekomme einen Apfel geschenkt. Daneben steht ein Schild „Gratis. Wie die Liebe Gottes“

Wenn ich also in genau dieser Urlaubsstimmung angekommen bin, dann kommt er irgendwann, der Moment. Der Moment, wo ich mein kleines Büchlein aus der Handtasche krame und finde, irgendwo zwischen Sonnencreme und Reiseführer. Im Café leihe ich mir von der Kellnerin einen Kugelschreiber und fange an zu schreiben. Überschrift: „Was ich zuhause alles machen will.“

Darunter steht:  „Ein Tablett aus Holz für das Frühstück im Garten auf dem Flohmarkt suchen. Heidelbeeren essen. Viele! Zeitschriften im Bett lesen, aber keine Fachliteratur! Natron besorgen und selber Putzmittel herstellen. Schöne Notizzettel. Schwiegermutter bitten, einen Beutel für Brot zu nähen, damit ich keine Papiertüten mehr verschwende. Buchstabenstempel kaufen. Stempeln. Goldenen Nagellack.“

Der Moment im Urlaub, wenn ich eine solche Liste schreibe, ist wunderbar. Weil ich in diesem Moment wie aus der Adlerperspektive auf mein Leben schaue. Ich sehe meinen Alltag zwischen Frühstück, Arbeit und ins Bett fallen. Ich merke, was mir in diesem Alltag fehlt. Aber vor allem sehe ich, was ich an ihm so liebe: Dass ich mich in meinem Beruf frei entfalten kann. Dass ich in der privilegierten Lage bin, mir genau das zu essen kaufen zu können, worauf ich Lust habe. Dass ich eine Familie habe, in der man sich hilft und unterstützt. 

Mitten in diesem Urlaubsmoment bin ich erfüllt vom Glück, mein Leben leben zu dürfen, genau meines. Nicht, dass es darin nichts gäbe, was mich belastet. Da gibt es so einiges. Zweifel und Unsicherheit. Entscheidungen, die mir im Magen liegen. Und Sorgen, die auch der goldene Nagellack nicht überstreichen kann. Und trotzdem: Ich bin mit Leben beschenkt. Ich öffne meine Arme und meine Augen für mein Leben. Ich umarme es, blicke ihm fest in die Augen. Und meine Seele flüstert, leise und unaufgefordert: Danke. Danke Gott, dass Du mir die Liebe in den Schoß fallen lässt. Danke, denn ich brauche mich nicht zu fürchten. Danke, denn ich bin umfangen von einem Leben, das ich mir nicht selbst verdanke. Der nachtblaue Himmel. Mein Blick nach oben. 

Ich schreibe Wort für Wort, worauf ich mich freue. Ich schreibe Wort für Wort, woran mein Herz hängt. Und während ich schreibe, lacht es in mir und ich fühle, dass ich leichter bin, als ich denke. 

Mein Herz ist leicht, wenn ich Danke sage. Es braucht keine „Dankbarkeitsmeditation“ dafür und keine leicht moralische Aufforderung dazu, doch „dankbar zu sein für das, was man hat.“ 

Das Danke geht Hand in Hand mit dem Leicht-sein. Das Danke spaziert auf einem Feldweg entlang. Nein, es hüpft. Es braucht nicht viel Kraft und erst Recht keinen Druck. Die Gnade läuft ihm vorweg. Die Gnade, die Liebe meines Gottes zu mir. Sie lächelt. Sie schaut meine „Nach-dem-Urlaub-will-ich“ – Liste an und sagt: Ohja, das machen wir! Vielleicht nicht alles auf einmal. Aber wir machen es. Die Gnade zieht mich an sich und sagt: „Du bist beschenkt.“ Und ich? Ich flüstere ganz leise „danke“.

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