Predigt zum Sonntag Jubilate (Prien 2019)

Die Weisheit ist eine Frau. 

Das überrasche mich nicht. Und ich denke es mir auch nicht aus. Es steht in der Bibel. Das macht es nicht automatisch richtig, aber nachdankenswert. 

Die Weisheit ist also eine Frau. So steht es im Alten Testament. Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie schon kennt. Es gibt in der Bibel viele Menschen, Propheten und normale Leute, es gibt Johannes den Täufer und Jesus, es gibt Amos und Jeremia…und ja, da sieht man es schon: es gibt nicht so viele namhafte Frauen. Aber es gibt sie: Hanna, die Prophetin. Maria Magdalena, Maria, die Mutter Jesu. Eva natürlich! Aber irgendwie mit einem nicht so optimalen Ruf…ES gibt Sarah, die man allerdings oft eher als „Frau von Abraham“ kennt als als eigenständige Persönlichkeit. Und es gibt noch mehr – aber tatsächlich war die Kirche lange ein Produkt von Männern. Und das zeigt sich auch darin, welche Personen in den Blick genommen wurden. Das ändert sich in den letzten Jahren. Die Frauen werden mehr gesehen. Wie gut! 

Mit der Weisheit ist es ähnlich. In der Bibel ist sie eine Frau. Ein Geschöpf Gottes. Von Anfang an dabei. Irgendwie also auch schon immer da. So wie Gott selbst. Vielleicht ist sie sogar ein Teil von ihm. Vielleicht ist sie so etwas wie eine Seite, die wir nicht immer begreifen, aber von der wir merken würde, wenn es sie nicht gäbe?

Aber wir hören erstmal, was sie uns sagt. Die Weisheit spricht in unserem Predigttext nämlich heute über sich selbst:

22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, 28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, 29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30 da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Als die Tiefe noch nicht war, war sie geboren. Bevor die Erde noch nicht gemacht war. Als die Wolken droben mächtig waren. Als Gott dem Meer seine Grenze setzte. Sie war seine Lust. Und sie spielte. Sie tanzte. 

Ich sehe bunte Tücher. Ich sehe Glitzern und Leuchten. Ich sehe eine Kraft, die durchweht durch die Ordnung von 1., 2., 3. Tag. Sie glänzt wie die Wellen. Und sie tanzt. Sie ist ein bisschen wie ein Sausen und Wehen. Aber das heißt nicht, dass sie harmlos ist. Täuschen Sie sich nicht! Die Frau Weisheit ist kein kleines blondes Mädchen, das man nicht ernstzunehmen braucht. Sie ist nicht nur Gefühligkeit und romantisches Spüren. Sie findet klare Worte:

32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! 34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Das ist Drohung und Verheißung zugleich: Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Wenn Du weise bist, dann hast Du das ewige Leben. Dann bist Du Gott ganz nah. Und irgendwie doch auch dem Glück. Wenn Du die Weisheit findest, dann bist Du dem Glück ganz nah. Was für eine Verheißung. Wer von uns würde das nicht wollen? Das Glück, das ewige Leben in diesem Leben finden. Weise sein. Und das hieße doch dann auch: Etwas von Gott in mir finden. Etwas von der Frau Weisheit, die schon immer da war, ist in mir. Ein Leuchten. Ein Wissen, das in mir ist. Verborgen, aber da. Etwas, das in mir tanzt und spielt. Eine Weisheit, die ganz fest mit dem Leben verbunden ist und trotzdem nicht irgendwo da draußen ist, sondern in mir. Ein Funke Gottes. 

Ja, schön, liebe Frau Hoppe, sagen Sie jetzt wahrscheinlich. Schöne Worte! Gottesfunken, Leuchten, Strahlen in mir…und jetzt? Wie komm ich da hin? Einfach nur lange genug schweigend im Kreis laufen? Da wird mir doch einfach nur schwindelig. Fasten und meditieren? Ich persönlich bekomme da Hunger und schlechte Laune.

Ist die Weisheit dann vielleicht nur etwas für die Gebildeten unter uns? Etwas, was erst dann kommt, wenn wir den Rest des Lebens im Griff haben? Die Bedienung des Wäschetrockners ohne Knitterfalten, die Steuerklärung und die richtige Schule für unser Kind? Ist Weisheit selbst quasi des Lebens letzter Schluss? Ein first world Problem? Erst das Brot, dann die Moral?

Nein, ich glaube nicht. Weil ich glaube, dass Weisheit wenig mit Wissen und wenig mit Handeln zu tun hat. Ich glaube tatsächlich, die Weisheit liegt vor dem Denken und vor dem Handeln. Und wir finden sie nicht am Ende, sondern am Anfang.

So wie die Weisheit schon bei Gott war, als er die Tiefen des Meeres und die Höhe der Berge schuf. Als er die Wolken mächtig machte und dem Wasser seine Grenze setzte. Die Weisheit ist mitten in der Schöpfung, sie spielt und tanzt in ihr. Sie ordnet nicht. Sie analysiert nicht. Sie trifft keine Entscheidungen. Sie ist eine Lust Gottes und eine Lust den Menschenkindern. Die Weisheit ist da, und wenn sie in der Schöpfung ist, dann ist sie auch in uns. Das Reich Gottes ist mitten unter Euch, hat Jesus dazu gesagt. Es ist nicht im Erfolg und nicht im Wissen. Die Weisheit auch nicht. Sie kann uns verloren gehen, das schon.

Aber sie geht uns dann eher so verloren, wie diese Socken in der Waschmaschine, die irgendwie immer einzeln auf der Wäscheleine landen. Wir wissen dann: Eigentlich kann der Socken jetzt doch gar nicht weg sein. Irgendwo muss er sein. 

Das weise-sein geht uns verloren, wenn existenzielle Sorgen uns quälen, oder wir von unseren Gefühlen überwältigt werden, von Liebe, Schmerz, Angst, dann sind wir in Schockstarre – Sie geht uns also dann verloren, wenn wir sie am meisten bräuchten. Ein etwas unpraktisches Konzept, oder? Etwas, was wir sind, aber nicht dann, wenn wir es brauchen? 

Liebe Gemeinde, ja, es ist ein schwieriges Konzept. Es ist eine Lebensaufgabe. Und irgendwie fühlt es sich dann nicht mehr so nach Tanz und Spiel an. Sondern wieder nach machen und handeln.

Was aber wäre, wenn wir stehen bleiben würden. Fühlen würden. Das Leuchten anschauen würden, das auftaucht, wenn wir singen. Tanzen. Fühlen. Die Hand, die mich hält. Die Melodie, die mich trägt. Den Boden unter den Füßen, auf dem ich stehe. Und auf dem ich tanzen kann, wenn ich will. Wir Menschenkinder singen, bevor wir sprechen können. Wir bewegen unseren Körper, bevor wir laufen lernen. Wir malen Bilder, bevor wir schreiben. Wir lesen in den Gesichtern unserer Eltern und Geschwister, bevor wir Bücher und Lebensratgeber lesen können.

Und all das kann eigentlich nicht verloren gehen. Nur verschüttet. Dann schrammen wir ganz eng am Leben vorbei, oder wie die Weisheit sagt, wir verfehlen das Leben. Weil wir laufen und reden und rennen, hinterher und irgendwohin. Bleiben wir besser, dann bringen wir viel Frucht, hieß es vorher im Evangelium. Bleiben wir. Beim Singen und Tanzen und Fühlen. Bleiben wir bei uns. Bei Gott. Amen. 

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