Predigt zur Christvesper am Heiligen Abend 2017 in der Friedenskirche in Aschau

Liebe Gemeinde,

aller Anfang ist schwer. Der Anfang einer Weihnachtspredigt. Der Anfang einer ernstgemeinten Entschuldigung. Der Anfang einer Reise mit zu viel Gepäck. Der erste Schritt nach einer Niederlage.

Aller Anfang ist schwer. Das dachte sich auch Johannes Haushofer. Eine Freundin hatte ihm von ihrer letzten Bewerbung erzählt. Abgelehnt. Schon wieder. Nicht das erste und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal. Johannes Haushofer wollte sie trösten. Ihr Mut machen für einen neuen Anfang. Ihr sagen, dass er wusste, wie sie sich fühlte. Er war inzwischen ein ziemlich erfolgreicher Wissenschaftler geworden, aber auch er kannte das Gefühl, abgelehnt zu werden, ziemlich gut.

Also schickt er seiner Freundin seinen eigenen Lebenslauf. Aber ein ehrlichen. Einen Lebenslauf, in dem all das drinstand, was schiefgegangen war in den letzten Jahren. Er listete auf, welche Forschungsprojekte ins Leere gelaufen waren und welche Stellen er nicht bekommen hatte. All das, was er sonst in seinem schicken Lebenslauf verschwieg, schrieb er detailliert auf.

Und er schickte diesen Lebenslauf schließlich nicht nur an seine Freundin. Er stellte ihn online. Und die Resonanz war, das können Sie sich denken, unvorstellbar groß: Weil es auf eine krude Art und Weise entlastend ist, wenn andere scheitern. Weil es uns das eigene Scheitern irgendwie verständlicher, ja, leichter macht. Und ich glaube, nicht aus Schadenfreude. Nicht, weil wir anderen ihr Glück nicht gönnen. Sondern weil wir merken: Anderen geht es auch nicht anders als uns. Auch die scheitern, auch bei denen läuft nicht immer alles glatt. Johannes Haushofer beginnt seinen ehrlichen Lebenslauf mit dem Satz: „Das meiste, was ich versuche, gelingt mir nicht. Aber diese Rückschläge sind meistens unsichtbar, während meine Erfolge sichtbar sind.“

Liebe Gemeinde, ich werde Sie jetzt nicht mit der Liste meiner Misserfolge langweilen – denn ich bin sicher, ihre eigenen Szenen des Scheiterns gehen Ihnen grade im Kopf herum. Und da wird so einiges dabei sein: Der gute Vorsatz, endlich das Auto zu putzen und zwar noch vor dem Winter. Gescheitert. Der Versuch, einen Herrnhuter Stern zu basteln, ohne sich dabei mit dem Ehemann völlig in die Haare zu kriegen. Gescheitert. Der Versuch, dem Menschen, den ich liebe und den ich so sehr verletzt haben, gegenüber zu treten und zu sagen: Lass uns nochmal neu anfangen. Unversucht geblieben. Gescheitert? Der Versuch, eine eigene Familie zu gründen, ein Kind zu bekommen. Es klappt nicht. Zum wiederholten Male…nicht schwanger. Ist das auch…scheitern? Ist das, was in unserem Leben nicht gelingt, ist das, was einfach nicht gut werden will, wirklich ein Scheitern?

Liebe Gemeinde, Sie merken schon, es ist nicht so leicht mit der Unterscheidung vom scheitern und vom nicht-gelingen. Beim Scheitern, da haben wir etwas versucht, probiert. Wir haben uns reingehängt, alles gegeben – und sind gescheitert. Woran es lag? Manchmal wissen wir es nicht genau. Aber meistens schon: wir haben zu spät angefangen, waren nicht gut genug vorbereitet, nicht gut qualifiziert, andere hatten bessere Voraussetzungen, das Ziel war zu hoch gesteckt. Anders ist es, wenn etwas nicht gelingt. Wenn etwas nicht so kommt, wie wir es uns von Herzen erhofft haben. Sonders es anders kommt. Und auch hier wissen Sie selber wieder am besten, wo das in diesem Jahr so war: Vielleicht sind Sie dieses Jahr mit dem Leben an eine Grenze gestoßen. Es gab Momente und Entwicklungen, die haben Sie sich anders gewünscht. Und mussten sie trotzdem so nehmen, wie sie waren. Unverfügbar ist es manchmal, das Leben. Es gibt Bereiche in unserem Leben, da können wir uns noch so sehr anstrengen – es ist nicht unser Verdienst, ob es gelingt. Mit dem Glück ist es zum Beispiel so. Wir können uns für Gerechtigkeit einsetzen und für unsere nächste Beförderung. Wir können alles tun, was in unserer Macht steht, um unseren Kindern eine gesunde, eine gute Zukunft zu ermöglichen. Gute Schulen, beste Förderung. Aber ob ihr Leben deswegen gelingt? Ob sie glücklich werden? Das haben wir nicht in der Hand. Wir haben einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz und einen Rechtsanspruch auf einen fairen Lohn – auf das Glück aber haben wir keinen Rechtsanspruch. Glück lässt sich nicht einklagen.

Ganz ähnlich ist es mit der Liebe. Sie lässt sich nicht einklagen. Weil wir jemanden nicht für das lieben, was er kann und schafft. Weil wir jemanden nicht für das lieben, was ihm gelingt. Und weil wir selbst die Liebe dann am meistens spüren, wenn wir sie selbst am wenigsten erwartet hätten. Wenn sie unverhofft da ist. Dann, wenn die eigenen Stärken und das eigene Können und Schaffen schon längst unter einem riesigen Berg aus Misserfolgen, Rückschlägen und Verlustanzeigen begraben ist. Dann, wenn alles Versuchen und Machen und Anstrengen ins Leere gelaufen ist. Die Liebe und das Glück, da sind sie sich sehr ähnlich. Geschenkt sind sie. Unverdient – denn angestrengt hat man sich dafür nicht. Unerwartet – denn die eigenen Gedanken gingen eigentlich ganz woanders hin. Unverhofft – weil man sich zu hoffen nicht getraut hätte. Und manchmal ganz anders verpackt, als man gedacht hatte.

Liebe Gemeinde, Weihnachten, das sagen viele, das sei das Fest der Liebe. Ich glaube, das stimmt nur halb. Es ist das Fest der geschenkten Liebe. Einer Liebe, die mir von Gott geschenkt ist. Aus Gnade. Nicht, weil ich so ein gutes Leben geführt hätte im letzten Jahr. Nicht, weil ich so viel gebetet, gearbeitet und verziehen hätte. Nein, allein aus Gnade. Unverfügbar, wie die Liebe eben ist. Unverdient, wie das Glück uns widerfährt. Unverhofft, weil man sich zu hoffen nicht getraut hätte: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Das Geschenk der Liebe und des Glücks. Das Geschenk des Lebens. In einem Satz zusammengefasst. Weil das Glück unverdient ist und die Liebe ein Geschenk. Geschenkt wird sie uns, wenn die eigene Kosten-Nutzen-Rechnung ein minus ergibt. Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Liebe Gemeinde, die Liebe Gottes ist nicht das Ergebnis eines langen Lebenslaufs voller richtiger Entscheidungen. Die Liebe Gottes ist nicht das Ergebnis einer komplizierten Rechnung von oft geteilt, nie etwas abgezogen, dreimal richtig gehandelt und immer ein Plus auf dem Moralkonto. So denken wir vielleicht selbst über uns. So schauen wir vielleicht selbst auf unser Leben. Mit ziemlich scharfem Blick auf das, was wir können und verdienen. Aber das, liebe Gemeinde, ist nicht der Blick, den Gott auf uns richtet. Er löst diese Rechnung auf. Er löst unseren eigenen Anspruch ab. Er löst unsere Augen vom Blick auf unser Können und Wert-sein. Er erlöst uns. Das ist das Geschenk, das ist der Grund, warum wir heute von einer Heiligen Nacht sprechen: Einer Nacht, in der sich Gott uns geschenkt in einer Gestalt, die so unverdient, so unverfügbar ist, wie die Geburt eines Kindes. Weil seine Liebe uns aus Gnade widerfährt, ohne unser Verdienst. Sie ist so, wie wir sie heute sehen, in der Heiligen Nacht. Unverhofft. Unverdient. Ein Wunder. Ein Kind. Geschenkt.

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