Die folgende Predigt wurde inspiriert von dem Lied „Andere Hände“ der Alin Coen Band. Das absolut wunderbare Stück findet ihr hier:

Die folgende Predigt habe ich am 1. Sonntag nach Epiphanias in der Evang. Heilandskirche in Bernau gehalten. Der Predigttext steht im 1 Kor 1, 26-31.

Predigt zu 1 Kor 1, 26-31

Es ist ein klarer Frühlingsmorgen am Rande von Berlin. Die Luft ist noch kühl, es ist noch nicht 6 Uhr, aber die ersten Sonnenstrahlen erreichen schon das Gelände des Krankenhauses. Im hinteren Teil des Krankenhauses ist an der Mauer unten ein Schild angebracht. „Babywiege“ steht darauf. Öffnet man die Klappe darunter, kann man warme Decken sehen, ein buntes Kissen liegt dabei. Eine Wärmelampe strahlt darin, es sieht ein bisschen aus wie eine warme Höhle.

Das Klingeln des Alarms und die Videoübertragung aus der Babywiege erreichen den Bereitschaftsdienst auf der Wochenbettstation. Es dauert nur ein paar Minuten, bis eine Hebamme das kleine Baby aus der Wiege holt. Es ist winzig klein. In eine Decke eingewickelt. Es atmet kaum hörbar. Ein Brief liegt bei dem Kind. Handgeschrieben, hastig und etwas zerknittert:

Ich reiche dich weiter,
Weil ich selbst an mir scheiter’
Wünsch dir ein besseres Leben

Ich kann’s dir nicht geben
Ich wollt es vermeiden
Ich musste mich so entscheiden

Deine Zukunft soll besser sein als meine
Es ist besser so, denn ich habe keine
Ich hab’s dir geschrieben

Ich werde dich immer lieben
Mir sind die Hände gebunden
Hab keinen Ausweg gefunden

Ich
bitte dich
Mir zu verzeihen

Ich wünschte, es könnte anders sein
Du kamst viel zu früh für mich
Ich geb dich in andere Hände

Was ich hab genügt dir nicht
Ich bin kraftlos, denn am Ende
Ist keiner da, der uns trägt

Ich hab dich in ein besseres Leben gelegt.

Die Mutter des Babys, hat diesen Brief geschrieben. Es waren ihre letzten Worte für ihr Kind. Es sollte eine neue Chance aufs Leben haben. Einen neuen Anfang haben, weit weg vom eigenen Leben ihrer Mutter, in dem es nur ein Ende gab, aber keinen Anfang mehr. Sie wünschte ihrer Tochter einen Anfang abseits von all dem, was sie selbst gefangen hielt. Ich reiche dich weiter, Weil ich selbst an mir scheiter’. Ich geb Dich in andere Hände. Ich hab Dich in ein besseres Leben gelegt.

Ich lese aus dem Brief des Paulus an die Korinther:

 Seht doch, liebe Schwestern und Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

So schwach, so töricht, so verfahren war die Situation. Keine Stärke in Sicht. So schwach, so klein, war sie. Keiner da, der sie trägt. Keiner da, der ihr die Last nimmt. Keiner da, der das Blatt zum Guten wendet. Wo ist die kluge Entscheidung, die alles richtig macht. Wo ist das Licht, das den Weg weist?  Alles, was sie tun kann, ist falsch und wieder falsch. Verachtenswert und dumm. Klein und schwach. Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist.

Da ist Gott, sagt Paulus. Da, wo die Entscheidungen nicht richtig werden können. Da wo das Leben Dich schwach und klein und töricht sein lässt, da wo keine Weisheit in Sicht ist, weil die Welt dafür nicht der richtige Ort ist. Da ist Gott, an diesem Morgen in Berlin. Das hat Gott erwählt. Berufen. Geheiligt. Da ist Gott. So wie er bei Jesus Christus war. Am Kreuz. Jesus Christus, der vorher die Menschen begeistert hat und bewegt. Der den Sturm stillen konnte und Wasser zu Wein gemacht hat. Am Kreuz ist von seiner Macht und seiner Stärke nichts mehr zu sehen. Am Kreuz ist er so schwach. Verachtet von den Leuten. Der Geringste unter den anderen Verbrechern.

Paulus selbst hat nicht an den Jesus geglaubt, der Wunder getan hat. Er hatte sich damals nicht überzeugen lassen von seinen Wundern, seiner Stärke, seiner Kraft, Tote aufzuwecken.

Für Paulus war es das Kreuz, das seine Sicht geändert hat. Vielleicht weil er selbst schwach war und klein. Weil seine eigene Weisheit ihn nicht weiter gebracht hat. Dass Christus weiterlebt, dass er auferstanden ist, obwohl er getötet wurde, das konnte er glauben. Und er glaubte daran, dass dieses neue Leben auch ein neues Leben für jeden Menschen bedeuten konnte. So wie Christus auferweckt wird und lebt, so leben wir. Aus dem neuen Leben, das den Tod überwindet. Schon damals gab es ein Symbol, das dieses neue Leben darstellen sollte: Die Taufe. Wer sich taufen ließ, der zog sich dieses neue Leben an. Legte die alten Kleider ab. Die Taufe, die Auferstehung im Kleinen.  Da erwählt Gott das Geringe, Schwache, Kleine. Deshalb heißt es auch in unserem Predigttext: Seht doch, liebe Schwestern und Brüder, auf Eure Berufung! Erinnert Euch doch an den Moment, in dem ihr getauft wurdet!

Liebe Gemeinde, auch heute taufen wir noch. Und bei jeder Taufe, da kommt beides zusammen – das Verloren sein, das schwach sein und das neue Leben. Ganz am Anfang, da steht das Kreuz, das Kreuzzeichen: Ich trete zu dem Kind, vielleicht muss ich mich ein wenig bücken…und sage: Dein Leben steht unter der Macht unseres Gottes. Niemand hat Macht über Dich, als allein der Gott des Friedens und der Liebe. So nimm als Zeichen dafür das Zeichen des Kreuzes: „Du gehörst zu Jesus Christus!“

Mit dem Kreuz ist all das da: Das schwach sein, das verloren sein. Der Moment, in dem Jesus Christus sich ausgeliefert hat. Der Moment, in dem die Welt sich ihre Wahrheit genommen hat.

Wir sind in unserem Leben nicht immer groß und stark und über alle Fehler erhaben. Oft genug lassen wir Federn im Leben. Aus Unsicherheit und Angst. Oder aus Liebe und Trotz. Wir verachten uns manchmal für das, was wir sind und tun. Wir werden klein und schwach. Was klein ist und töricht und schwach, das hat Gott erwählt. Uns, seinen Kindern hat er seinen Geist des Lebens gegeben. Einen neuen Lebensatem. Ein neues Leben in seinem Geist der Freiheit und der Liebe – damit überschüttet uns Gott mit dem Wasser der Taufe. Auf Jesus Christus werden wir getauft. Sein Leben ziehen wir an und geheiligt wird unser Name. Dann sind wir in Jesus Christus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.

Durch Gottes Geist sollen wir weise sein – vielleicht ein wenig wie die Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern gefolgt sind entgegen alle Vernunft. Gerechte sind wir, gerecht vor Gott in all unseren schwachen und kleinen Worten und Taten. Geheiligte Menschen – Menschen, die nicht auf sich selbst zurückfallen, wenn sie das, was sie erreichen wollen nicht schaffen. Geheiligt sind wir, weil unser Leben heil ist, auch wenn einzelne Dinge zerbrechen. Erlöst bin ich von dem Zwang, mich selbst erkennen und erlösen und heilen zu müssen.

Von Luther erzählt man, dass er eine kleine Karte auf seinem Schreibtisch stehen hatte. Ich bin getauft, stand darauf. Ich bin getauft. Ich lebe aus dem Geist Gottes, aus dem Leben in Jesus Christus. Seine Gnade bleibt mir, unzerstörbar.

Wir sind in andere Hände gelegt. Was wir haben, das genügt nicht. Wir sind in ein besseres Leben gelegt. In andere Hände gelegt. Denn da ist jemand, der uns trägt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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