Im Kirchenraum liegen im Mittelgang Jacken, Mäntel, Matschhosen. Man muss von außen in die Bankreihen gehen. Der Weg ist bereitet. 

Liebe Gemeinde,

In der Natur gibt es keine rechten Winkel.

Ja, wirklich! Sie können das jetzt im Kopf gern überprüfen…! Hab ich auch schon gemacht, als mir das letztens jemand gesagt hat. Aber es stimmt. In der Natur kommen keine rechten Winkel und keine klassischen Ecken vor. Es gibt runde Flügel. Und lange Giraffenhälse. Es gibt Pandabären mit rundem, dicken Bauch vor lauter Bambus. Und es gibt Wellen und Wind und Sanddünen. Aber keine rechten Winkel.

Die rechten Winkel haben erst die Menschen erfunden. Pyramiden und Tempel konnte man damit bauen und irgendwann auch Häuser mit flachen Dächern.  Und obwohl es in der Natur keine rechten Winkel gibt, ist sie trotzdem sehr einfallsreich mit ihren Bauplänen. Sie liebt zum Beispiel Sechsecke. Bei Bienenwaben zum Beispiel.

Sechsecke sind nämlich eine geniale Sache für viel Stabilität und Passgenauigkeit. Sechsecke finden wir in unserem Alltag wiederum eher selten. Im Moment sind sie im Design recht beliebt, weil sie oft ganz viel Luft und Leichtigkeit vermitteln. Wir sehen: Die Natur ist kreativ. Sie macht das Beste aus dem, was sie hat. Und sieht dabei auch noch wunderschön aus.

Und sie ist ist anpassungsfähig. Im Laufe der Evolution haben sich Tiere und Pflanzen gegenseitig angepasst und weiterentwickelt. Der große Forscher Charles Darwin hat das entdeckt. Und irgendwann vermutete man, dass sich immer nur die stärksten Exemplare einer Gattung evolutionär durchsetzen würden. Und es dauerte nicht lange, da wurden diese Geister, die man rief, stark und zu einem politischen Programm. Man berief sich auf Darwin und darauf, dass die Menschheit schöner, stärker und besser werden müsste, um zu überleben. Das Programm des „besseren Lebens“ war geboren. Eugenik, heißt es mit einem Fremdwort. Und das „bessere Leben“ war der Grund, warum man auf einmal von einer Herrenrasse sprach. Und von lebensunwertem Leben. Und irgendwann sprach man dann nicht mehr nur darüber, sondern handelte. Versteckte, verschleppte und vergaste man sie. Sie, die Menschen, die nicht in das Konzept passten.

Liebe Gemeinde, die Natur passt in kein Konzept, sie ist kreativ. Und wir Menschen, sind es eigentlich auch. Wir können zum Beispiel Elektroautos bauen und solche, die mit Wasserstoff fahren. Wir können Kühlschränke bauen, die von selbst im Internet Eier nachkaufen, wenn das Eierfach leer ist. 

Wir müssten ihnen nur noch beibringen, an Ostern die Eier auch noch auszublasen!

Wir können wirklich sehr erfinderisch sein. Aber was wir anscheinend nicht können:  Unsere Gesellschaft so gestalten, dass sie für die Menschen da ist, die in ihr leben. Immer wieder machen wir es genau andersrum: Wir fordern von den Menschen, dass sie sich anpassen sollen. Dass sie der Norm entsprechen sollen. In ihrem Verhalten. In ihren sexuellen Neigungen. In ihrer Art, zu sprechen und zu gehen. 

Am Donnerstag gab es im Bundestag eine Debatte darüber, ob ein Bluttest für genetische Abweichungen wie z.B. Trisomie 21, bekannt als Down Syndrom von der Krankenkasse bezahlt werden sollte. Solche Tests gibt es schon länger, aber die alten Verfahren waren gefährlich für das Kind. Der neue Test ist völlig ungefährlich und er wird oft genutzt. Jetzt soll er eine Kassenleistung werden. Von 10 Eltern, deren Kind nach diesem Test als wahrscheinlich behindert gelten, entscheiden sich 9 für einen Abbruch der Schwangerschaft.

Und ich? Ich stehe da und bin hin und hergerissen. Ich verstehe es so gut, dass man als Eltern wissen will, ob das eigene Kind gesund sein wird. Aber ich habe auch eine riesige Angst. Dass es immer normaler wird, normal zu sein. Dass es immer normaler wird, zu sagen, dass Menschen mit einer Behinderung ein weniger lebenswertes Leben haben. Dass wir anfangen, Leben zu bewerten.

Liebe Gemeinde, niemand von Ihnen würde jemandem das Recht auf Leben absprechen. Niemand von uns würde darüber entscheiden wollen, mit welcher Behinderung man leben kann und mit welcher nicht. Aber es gibt Eltern, die vor der Entscheidung stehen, ob sie sich ein Leben mit einem besonderen Kind zutrauen können. Ob sie damit die beste Entscheidung für ihr Kind treffen. Wir können ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen. Auch nicht mit dem neuen Gesetzentwurf.

Aber wir können etwas dafür tun, dass unsere Gesellschaft sich ändert. Dass sie es zulässt, dass es Menschen außerhalb der Norm gibt. Wir können uns in den Dienst einer Gesellschaft stellen, in der Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenleben können. Wir können Schranken niederreißen und Tische umwerfen, wenn es sein muss. Wir können für die Menschen da sein, die vor einer solchen Entscheidung stehen. Mit ihnen beten. Ihnen um Himmels Willen Mut machen. Vielleicht Mut dazu, ein Kind zu bekommen, das anders sein wird als die anderen. Und damit wahnsinnig gut in diese Welt passt, in der es keine rechten Winkel gibt. Sondern Koalas und Schmeißfliegen und Wellen und Wind und Eisbären. Und Sechsecke. Die sind ganz besonders stabil und schön.

Jesus wusste nichts von Sechsecken, glaube ich. Er hatte wahrscheinlich auch keine Koalas jemals gesehen, ganz zu schweigen von Eisbären. Schmeißfliegen kannte er vermutlich. Der Esel, auf dem er nach Jerusalem hineinritt, hat sie mit seinem Schwanz verscheucht. Irgendwann blieb der Esel stehen. Der Weg vor ihm sah jetzt anders aus als bisher auf dem Weg aus Galiläa. Auf der Straße lag Kleidung. Mäntel und Tücher. Und Palmzweige, die die Leute von den Bäumen abgebrochen hatten. 

Hosianna, riefen sie, so laut, dass es Jesus in den Ohren klingelte. Schau, scheinen sie zu sagen, wir haben alles für Dich vorbereitet. Es fehlst nur noch Du, unser Messias, Retter der Welt. Wie ein König sollst Du kommen.

Und er kam. Aber nicht als König. Er fühlt sich nicht wie einer. Eher wie ein Diener. Einer, der dient. Den Menschen. In den letzten Monaten war er für sie da. Hat zugehört und war da. Hat gebetet für sie und war da. Wenn es nötig war, hat er Tische umgeworfen, weil es mal jemand geben musste, der klar macht, wo die Grenzen sind. Wenn es nötig war, hat er eine Frau, die von allen durch den Dreck gezogen wurde, in Schutz genommen. Er hat Schranken niedergerissen. Zwischen den Menschen. Zwischen oben und unten. Zwischen Himmel und Erde. Er hat alles getan für ein Leben, in dem es jeder Mensch wert war, zu leben. Und er ist bereit gewesen, dafür seinen Kopf hinzuhalten. Wie es im Predigttext heißt, den wir vorher gehört haben: Ich bot meinen Rücken dar, denen die mich schlugen. Mein Angesicht verbarg ich nicht. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht, wie einen Kieselstein, denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Gott ist mir nahe, der mich gerecht spricht.“

 Jesus hat keine falsche Rücksicht auf Rituale und Gewohnheiten  genommen, die Menschen diskriminierten. Er hat sich schutzlos ausgeliefert, mit all seiner Liebe und seinem ganzen Glauben an das Leben. Er hat so sehr gelebt und geliebt, dass er den Leuten verdächtig wurde. Weil sie glaubten, so einer, der die Welt aus den Angeln hebt, der will auch die Gesellschaft verändern. 

Liebe Gemeinde, ja, ich glaube, das wollte er. Ich glaube, Gott liegt etwas an unserem Leben und an uns. Es liegt ihm etwas daran, dass wir unser Leben hier gemeinsam auf die Reihe kriegen. Und manchmal gehört dazu auch, sich in die Nesseln zu setzen. Widerständig zu sein. Beschwerdebriefe zu schreiben. Menschen, die Behindertenparkplätze blockieren, dezent darauf hinzuweisen. 

Lassen wir die Hüllen fallen. Machen wir uns schutzlos. Werfen wir die falsche Vorsicht über Bord. Gott kommt. Er zieht ein auf einem Esel. Für die, deren Leben genauso gebrochen ist, wie seines, den Diener, den Knecht Gottes. Wir brauchen kein Hosianna, das nur für Könige da ist. Wir brauchen Menschen, die ihr Gesicht zeigen. Und es manchmal hart wie einen Kieselstein machen. Und die sagen „Wer will mein Recht anfechten? Siehe, Gott der Herr hilft mir. Er ist mir nahe, der mich gerecht spricht, wer will mit mir rechten? Er weckt mir selbst das Ohr.“ 

Liebe Gemeinde, dienen wir dem Leben. Dem Leben in seiner Vielfalt. Lassen wir die Hüllen fallen, den falschen Schutz. Damit wir das Leben sehen, die Koalas und die Sechsecke. Besonders die Sechsecke. Amen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top