Gründonnerstag

An Deinem Tisch

In Deinen Fingern bleiben Holzsplitter stecken, weil Du über die Tischplatte gestrichen hast, gedankenverloren. Es tut weh und Du hast keine Kraft, aufzustehen und die Pinzette zu suchen.

Du zeichnest die Ringe im Holz nach, dunkelrotweinfarben. Erzählen Dir von vorgestern, wo die Gläser auf dem Tisch standen.

Mit dem Zahnstocher das nächste Stück Käse. Und die Olive. Obwohl Du die doch gar nicht magst. Ist eben wie sonst im Leben. Muss man so viel runterschlucken. Bitteres und abgelaufenes manchmal sogar. 

Ich würde manchmal gern die Nachspeise zuerst essen. Die Schokolade mit Nüssen drin. Und die Karamellschicht mit dem Löffel aufbrechen. Kleine Risse machen in meine harte Schale.

Stattdessen beiße ich in den sauren Apfel. Mache mir eine Wärmflasche gegen die Bauchschmerzen.

Und zwischendurch lege ich meine Füße darauf. Und sie werden warm. Irgendetwas wird leichter und jemand sagt, Du kannst hierbleiben heute Nacht.

Das Leben hat harte Brotrinden und scharfe Zwiebeln gebracht und wenn man sie mit mildem Essig mischt und mit der Gabel direkt aus der Schale isst, geht es trotzdem.

Ich esse oft alleine. Aber auch immer wieder mit den anderen. Die das gleiche kauen, schlucken, probieren müssen. Ihr sitzt mit mir hier. Kennt das Menü nicht, genau wie ich.

Jesus saß damals mit den anderen von uns am Tisch, nach vielen Tagen zusammen wollte er gehen, und musste vielleicht auch. Hatte vorher Leben kosten lassen, Fische über dem Feuer, Brot am anderen Morgen.

Kalte Hände, die nach den anderen gegriffen haben.

In den Fingern die Holzsplitter. Sie haben wehgetan und niemand ist aufgestanden, um eine Pinzette zu holen. Manchmal muss man den Stachel stecken lassen, um zu spüren, dass noch etwas fehlt zum Glück. Und zum ewigen Leben.

Gebet

Ich bin an Deinem Tisch, Gott. Und Du an meinem.Trotz ohne Tischdecke. Trotz ohne geschliffene Gläser. Mit Deiner Gnade. Mit meiner Angst. Mit meiner Liebe. Mit jedem Stück Brot will ich sie füttern. Auf meinem Teller türmt sich das Leben. Ich will wenigstens hier nicht alles essen müssen, was da ist. Lieber will ich Brot des Lebens essen, wenn das geht. Lieber will ich Saft und Wein und darin alles Harte tauchen. Mach meine Hoffnung härter als alles andere. Und nimm mir nicht den Stachel, aber auch nicht das Glück. Amen.

Karfreitag

Ich kann die Wunden

Noch nicht verbinden

Die geschlagen wurden

Ich werde erst alle

Toten finden

Ich will hinabtauchen

Auch wenn es mir

Das Innerste

Nach außen dreht

Ich will sie finden

Auch für Dich

Ich blicke

Hinunter in Abgründe

Dort finde ich

Wahrheiten

(Lilli Gebhard, Wo Schatten werden)

Welchen Sinn macht der Tod Jesu?

Er macht denselben Sinn wie die Liebe: Wer liebt, gibt sich hin. Fragt nicht nach dem Ende. Aber nach dem Anfang. Wer liebt, spürt die Schmerzen des anderen wie die eigenen. Oder noch mehr. Wer liebt, ist nicht ganz bei Trost. Und findet in der Liebe einen Trost, der für’s ganze Leben reicht. Der Tod macht nie Sinn. Aber die Liebe, weil sie uns leben lässt. Vielleicht macht der Tod Jesu deshalb Sinn.

Karsamstag

Alle Zwischenzeiten

Hab ich überlebt.

Dann, wenn der Schmerz auf einmal einen Sinn machen musste

Damit ich ihn tragen konnte.

Alle Zwischenzeiten

Waren schlimmer als der Tag, an dem alles vorbei war

Wo der Schock mich geschützt hat wie Stroh als Dämmmaterial.

An allen Zwischentagen rutscht der Schmerz tiefer in mich hinein.

Will bei mir bleiben und ein Teil meines Lebens werden.

Was wäre, wenn ich ihn ließe.

Was wäre, hörte ich auf zu kämpfen

Ließe ich meine Waffen sinken.

Böte mich schutzlos.

Fände ich dann Demut?

Oder nur laute Leere?

Und brächte sie mich näher zu Dir?

Oder vielleicht näher zu mir?

Vielleicht ist dein Gott gestorben,
Ist was du liebst zu Stein geworden.
Und alles was noch lebt, lebt in dir drinnen.
Heute musst du darum weinen, morgen wird’s noch schwerer scheinen. Übermorgen schon nicht mehr so schlimm.

(Max Prosa)

Ostersonntag

Drei Tage im Grab sind all die Tage, an denen ich vor Angst nicht atmen kann. Drei Tage im Grab sind all die Jahre, in denen ich mein Leben wie durch eine Glasscheibe sehe, weil ich irgendwie nicht dazugehöre. Drei Tage im Grab sind die Monate, in denen ich versuche, es besser zu machen. Drei Tage im Grab sind die Momente, in denen ich aufgebe, in denen ich meiner Angst und meinen Schuldgefühlen erliege. Drei Tage im Grab können sich endlos anfühlen. Und ich weiß nicht, wann sie aufhören.

Und vor dem Grab liegt ein Stein. Und ich bin drinnen und kann ihn nicht wegrollen. Nicht wie die Ausgangssperre, die irgendwann wieder aufgehoben wird. Kein Ministerpräsident, keine Kanzlerin rollt uns den Stein vom Grab. Wann sind die drei Tage vorbei? Manchmal fällt ein Licht durch. Ein schmaler Spalt zwischen dem Grab und dem Leben da draußen. Dann bricht dieser Augenblick auf, der uns Freiheit verspricht. Freiheit von der Angst und der Schuld. Das Licht des Lebens fällt auf uns und von da an können wir eigentlich nicht mehr zurück in die Dunkelheit. Nicht für immer. Die Die drei Tage sind vorbei, wenn das Sehnen nach dem Leben überhand nimmt. 

Wenn das Warten auf das Licht nicht mehr auszuhalten ist, dann sind die drei Tage vorbei. Dann wälzt Gott den Stein vom Grab, den wir selber nie hätten wegschieben können. Er reißt den Himmel über uns auf, macht aus dem Dämmerlicht Morgenröte. Irgendwann findet uns das Leben, auch wenn wir uns noch so lange im Grab lagen.Wir gehören dem Licht und nicht unserer Dunkelheit. Und deshalb werden wir auferstehen. Nicht trotz Corona. Sondern trotz unserer Angst, trotz unserer Verzweiflung und trotz all der Dunkelheit.

Ich liebe die Träumer, die Aufbruchsgeister
Die überall Samen erkennen
Die Fehlschläge nicht zu ernst nehmen
Und immer das Gute benennen
Nicht die, die die Zukunft auswendig kennen
Begeisterung als Naivität anschauen
Und dir ihre altbekannten Ängste
Als Ratschläge verpackt um die Ohren hauenIch schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?
Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?

(Das Paradies)

Ostermontag

Kann ich denn der Hoffnung trauen? Den schönen Geschichten vom noch schöneren Leben? Was wäre, wenn der Plan nicht aufgeht? Wenn der Mut sich verläuft und die Angst ihn überholt? Was wäre, wenn mein Vertrauen in das Leben falsch war? Wenn ich eines Besseren belehrt werde?

Und da sitzen sie am Tisch. Und er teilt das Brot. Er dankt und betet. Der Wein ist dunkelrot und das Kerzenlicht lässt ihre Augen leuchten. Und dann ist es da, das Leben. Der, der gestorben ist, ist wieder da. Der, der immer da gewesen war, ist wieder da. Und mit ihm der Glaube an das Leben. An das Auferstehen vom Tod. An das Heil werden. An die Schönheit. Mit ihm sind die Wunder wieder da. Das Lieben und das Geliebt-sein. 

Und das Herz hat ihnen gebrannt. Vor lauter Liebe und Erinnerung. Und es war ein Trost. Kein leichter, sondern einer, der bleibt. Weil mit dem Wein und dem Brot das Leben wieder da war, von dem sie dachten, es sei verloren. Und auch, wenn er nicht mehr da ist, so bleibt das Leben. Kommt zurück. Der Tod hat es nicht gehalten. Hat es nicht kleiner und ärmer gemacht. Hat es am Leben gelassen. 

Nicht nur der Christus bei den Emmaus-Jüngern ist am Leben, sondern jeder Mensch ist am Leben. Und lebt in diesem Licht. Dem Licht, das die Nacht durchbricht, dann wenn der Tag sich geneigt hat und wenn das Herz brennt. Ein Licht von dem Himmel, der um uns ist, größer als die Erde. Heller und weiter und erzählt von dem Licht und von der Liebe. All die Erinnerungen sind in diesem Himmel geborgen. All die Sehnsucht ist aufgehoben und bewahrt in diesem Leben. Das Schöne und das Helle. Das Dunkle und Ausgefranste in diesem Leben. 

Vielleicht müssen wir manchmal wirklich aus der Erinnerung heraus leben.

Aus der Erinnerung an das Gefühl, dass es das wahre Leben gibt.

Dass es sich lohnt, zu springen.

Dass der Mut viel kostet und trotzdem mehr wert ist als die Angst.

Es ist die Erinnerung an das Brot des Lebens, das den Ostermontag zum Hoffnungstag für morgen macht. Und ich stecke mir ein Stück davon in die Tasche. Für jeden Tag des Jahres, an dem ich diese Hoffnung nicht vergessen will.

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